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Die Edelkastanienwälder sind ein schützenswertes Kulturgut

09.11.2020, Claudia Kistler

In den Kastanienwäldern ist im Herbst Erntezeit. Die glänzenden dunkelbraunen Marroni sind die Früchte gezüchteter Sorten. Heutzutage geniessen wir sie als herbstlichen Snack vom Marronistand oder als leckeres Vermicelles zum Dessert. Lange Zeit waren die Kastanien jedoch für viele Menschen in den Berggebieten ein überlebenswichtiges Nahrungsmittel. Auf einer Wanderung im Bergell durch den Brentan, dem grössten Kastanienwald Europas, erfährt man viel über diese sehr spezielle Nutzpflanze.
Reise zu den knorrigen Kastanien im Brentan

Die Tage werden kürzer und am Albisriederplatz in Zürich steht wie jedes Jahr ein Marronistand. Ich kaufe mir fürs Zmittag eine Tüte der gerösteten Nüsse (ja, botanisch gesehen gehören die Marroni zu den Nussfrüchten!) und als ich das erste davon genussvoll kaue, steigen vor meinem geistigen Auge Bilder von wunderbar knorrigen Marronibäumen auf. Denn im Juni dieses Jahres waren wir für ein paar Tage zum Wandern ins Bergell gereist. Und natürlich haben wir den grössten kultivierten Kastanienwald Europas, den Brentan, bei Castasegna an der Grenze zu Italien durchwandert und dabei vieles gelernt.

 

 
Die Edelkastanie (Castanea sativa) kann über 500 Jahre alt werden. © Claudia Kistler / stadtwildtiere.ch

Kastanienbäume können uralt werden

Die grossen Kastanienwälder kommen in der Schweiz vor allem auf der Alpensüdseite vor. Auf der Nordseite wachsen Kastanien nur an Stellen mit mildem Klima, doch als Folge des wärmeren Klimas werden sie auch hier immer mehr kultiviert. Die Edelkastanie (Castanea sativa) gehört zu den Buchengewächsen (Fagacea). Sie kann über 500 Jahr alt werden, eine Stammhöhe von 30 Metern und einen Stammdurchmesser von über zehn Metern erreichen. Derart alte Bäume sind ökologisch immens wertvoll. Die Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL hat sogar ein Inventar solcher Riesenkastanien erstellt [1].

 

 
Kastanienbäume blühen, abhängig von der Sorte, im Juni und Juli. © Claudia Kistler / stadtwildtiere.ch

Komplizierte Blütenarchitektur

Stattliche Exemplare konnten wir in den Bergeller Selven auch bestaunen. Auf unserer Wanderung im Juni bei leicht regnerischem Wetter trafen wir die Bäume im blühenden Zustand an. Brach zwischendurch die Sonne durch die Wolken, strahlte uns das weisse Blütenkleid regelrecht entgegen. Sieht man sich die Blüten genauer an, entpuppen sich die kätzchenähnlichen, ca. 25cm langen Blüten als männliche Blütenstände mit vielen Staubblättern. An ihrer Basis sitzen die weiblichen kugeligen Blüten, aus denen dann die dekorativen stachligen Kugeln entstehen, die meist drei Früchte beinhalten, die Marroni eben.

 

 
Die männlichen Blüten der Kastanien haben kätzchenähnliche Blütenstände, die bei vielen Sorten jedoch steril sind. Daher braucht eine Selve immer pollenspendende Bäume. © Claudia Kistler / stadtwildtiere.ch

 
Die kugeligen weiblichen Blüten an der Basis der männlichen Blütenstände öffnen sich ein paar Tage nach den männlichen Blüten. Kastanien sind auf Fremdbestäubung angewiesen. © Claudia Kistler / stadtwildtiere.ch

Kastanien waren lange ein Grundnahrungsmittel

Während des Maximums der letzten Eiszeit vor ca. 20'000 Jahren hielten sich die Kastanien vor allem im Südkaukasus, in Italien und auf der iberischen Halbinsel, teilweise auch im südöstlichen Balkan und im Zentrum Frankreichs. Als sich das Klima wieder erwärmte, breiteten sie sich wieder gegen Norden aus, wobei der Mensch kräftig dabei mithalf; in Westeuropa geschah dies vor allem durch die Römer. Sie haben die Kastanien vorwiegend für die Holzproduktion kultiviert und züchteten auch schon erste Sorten. Die Züchtung von Sorten war für die nachfolgenden bäuerlichen Gesellschaften vor allem in Berggebieten besonders wichtig [2]. Denn wilde Kastanien produzieren nur kleine Früchte. Durch die Zucht entstanden die grossfruchtigen Sorten, die Marronibäume, aus denen sie viele verschiedene Produkte herstellen konnten.

 

 

Hofladen im Bergeller Dorf Soglio: Das Angebot an Produkten aus Kastanien ist breit.  © Claudia Kistler / stadtwildtiere.ch

 
Der Brentan ist der grösste kultivierte Kastanienwald Europas. © Claudia Kistler / stadtwildtiere.ch

Ökologisch wertvolle Kulturlandschaft

Wandert man durch den Brentan, hat man das Gefühl in einer Parklandschaft zu sein. Auf der stellenweise gemähten Wiese stehen die Bäume mal enger, mal lockerer. Das Unterholz wird gepflegt, damit den Kastanien nicht zu viel Konkurrenz durch andere Pflanzen entsteht. Zudem erleichtert es die Kastanienernte. Dennoch sind die extensiv gepflegten Selven mit ihren Steinmäuerchen, Holzstapel, Dörrhäuschen – den Cascine – voller Nischen und darum sehr artenreich. Feuersalamander, Eidechsen, Hasen, Eichhörnchen, Siebenschläfer, Waldkauz, Specht, Fledermäuse und Rothirsch sind, um nur einige zu nennen, in dieser Kulturlandschaft zuhause. Auf unserem Besuch hatten wir Glück und konnten sogar eine Zornnatter beim Sonnenbaden beobachten. Natürlich sind auch die Insekten mit Bienen, Käfer, Schwebefliegen und Hummeln vertreten, die sich alle am Pollen und Nektar der Blüten laben.

 

 
Der Siebenschläfer frisst gerne von den Kastanien. © andrer97 / stadtwildtiere.ch 

 
Die Selven werden extensiv gepflegt und sind strukturreich. Sie bieten Lebensraum für viele Tiere. © Claudia Kistler / stadtwildtiere.ch

 
Die Westliche Smaragdeidechse kommt hauptsächlich auf der Alpensüdseite vor. Sie profitiert vom reichen Insektenangebot der Kastanienwälder. © Tobumo / stadtwildtiere.ch

Genetische Vielfalt der Kastanienwälder erhalten

Es ist eine biologische Eigenart der Kastanie, dass die männlichen Blüten die weiblichen nicht bestäuben können; sie sind auf Fremdbestäubung angewiesen. Will man die Qualität einer Sorte erhalten, kann man nicht einfach ein Marroni in die Erde stecken, den dieses hat andere Eigenschaften als die Mutterpflanze. Also muss man die Sorte vegetativ über Aufpfropfen auf Unterlagen, die sogenannte Veredlung, vermehren. Pfropft man Zweige einer anderen Sorte, erhält man so schnell eine Sorte mit neuen Eigenschaften. Heute wachsen in der Schweiz Kastanienwälder auf insgesamt 27'100 Hektaren und beherbergen eine europaweit einzigartige genetische Vielfalt, ein kulturelles Erbe, das es zu erhalten gilt [2]. Insbesondere, weil die Selven von verschiedenen Krankheiten bedroht werden, wie der durch einen Pilz ausgelösten Tintenkrankheit, dem Kastanienrindenkrebs oder der Esskastanien-Gallwespe, einem Insekt aus China.

 

 
Wenn ein alter Baum von der Tintenkrankheit befallen ist, ist das Zurückschneiden der Krone eine letzte Rettungsmassnahme. © Claudia Kistler / stadtwildtiere.ch

Kastanienernte im Herbst

In den Wäldern Castasegnas sind noch vier Sorten bekannt mit so klingenden Namen wie Ensat, Marun, Lüina und Vescuv. Welche Sorte am Albisrieder Marronistand verkauft wird, weiss ich nicht. Sie kommen wohl aus Italien wie die meisten Marroni. Letztes Jahr war ich im Oktober im Tessin und die Waldböden waren übersät mit den wunderschön glänzenden dunkelbraunen Nüssen. Ich habe ein paar davon eingesammelt und –zurück in Zürich – im Ofen geröstet. Ein Gaumenschmaus!

 


In Castasegna werden die vom Oktober bis November geernteten Kastanien in Dörrhütten, den Cascine, getrocknet und gedörrt. © Claudia Kistler / stadtwildtiere.ch

 


Reiche Ernte im Herbst! © Sibylle Mathis

 

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Quellen

[1] Inventar der Riesenkastanien im Tessin und Misox der WSL.

[2] Pereira-Lorenzo, S., et al. "Reservoir of the European chestnut diversity in Switzerland." Biodiversity and Conservation 29.7 (2020): 2217-2234.

 
Weiterführende Informationen

waldwissen.net 

Artportrait Siebenschläfer

 

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